Unverbindlichkeit beim Ticketkauf – ein Statement von muziqme-Gründer Steve Cremer
- Steve Cremer

- 26. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
In Gesprächen mit Künstler:innen, Veranstalter:innen und Venue-Betreiber:innen sowie in unserer Arbeit als Booking-Agentur taucht in den letzten Jahren immer wieder dasselbe Thema auf: Konzerte stoßen auf Interesse, Termine werden geteilt, Zusagen ausgesprochen - doch die Ticketkäufe bleiben aus. Oder sie passieren erst sehr spät, oft erst wenige Tage vor der Show. Was auf den ersten Blick wie ein individuelles Problem einzelner Acts oder Veranstaltungen wirkt, ist längst ein strukturelles Thema der gesamten Livebranche.
Später kaufen. Weniger festlegen.
Meine Beobachtung ist eindeutig: die Verbindlichkeit beim Ticketkauf hat abgenommen. Viele Menschen möchten sich nicht mehr Wochen oder Monate im Voraus festlegen. Stattdessen wird abgewartet - auf das Wetter, die eigene Stimmung, andere Pläne oder schlicht auf den Moment. Dafür gibt es zahlreiche Gründe:
steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass Ausgaben genauer abgewogen werden.
das Konsumverhalten hat sich insgesamt verändert: Musik ist durch Streaming jederzeit verfügbar, Events gibt es in Großstädten im Überfluss und Social Media sorgt für permanente Ablenkung und Entscheidungsstress.
es gibt eine gewisse Erwartungshaltung beim Publikum. Oft besteht die Annahme, dass Tickets auch kurzfristig noch erhältlich sind, dass es Rabatte geben könnte oder dass die Abendkasse ohnehin offen ist. Der frühe Ticketkauf erscheint damit nicht mehr notwendig.
Warum das mehr ist als ein Ärgernis
Für die Livebranche ist diese Entwicklung weit mehr als nur unbequem. Konzerte, Tourneen und Veranstaltungen müssen lange im Voraus geplant werden. Technik, Personal, Reisekosten, Marketing und Gagen entstehen unabhängig davon, ob ein Ticket früh oder spät verkauft wird. Nicht selten werden Konzerte aufgrund von zu geringen Verkaufszahlen abgesagt. Je später Einnahmen planbar sind, desto größer wird das wirtschaftliche Risiko - und dieses Risiko liegt fast immer bei Künstler:innen, Veranstalter:innen und Agenturen. Besonders betroffen sind Nachwuchs-Acts und kleinere Produktionen. Während große Namen häufig auch kurzfristig noch ein Publikum mobilisieren können, sind kleinere Projekte auf frühe Verkäufe angewiesen, um überhaupt stattfinden zu können. Langfristig führt diese Unsicherheit dazu, dass weniger Risiken eingegangen werden: weniger Tourneen, weniger neue Acts, weniger Vielfalt im Liveangebot. Eine Entwicklung, die letztlich niemandem nützt.
Nostalgie hilft nicht weiter
So verständlich der Wunsch nach „früher war alles einfacher“ auch ist - er hilft nicht weiter. Das Publikum hat sich verändert, und diese Veränderung lässt sich nicht zurückdrehen. Die entscheidende Frage ist also nicht, wie man das Publikum zu altem Verhalten zwingt, sondern wie die Branche mit den neuen Rahmenbedingungen umgehen kann. Denn eines ist ebenso klar: Live-Musik hat in meinen Augen nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil. Sie ist für viele Menschen weiterhin ein zentraler Ort für echte Begegnung, Emotion und Gemeinschaft. Die Wege dorthin haben sich lediglich verändert.
Neue Wege zu mehr Verbindlichkeit
Ein Ansatz liegt in der Kommunikation. Viele Besucher:innen wissen schlicht nicht, welche Auswirkungen ihr Kaufverhalten hat. Transparenz kann hier viel bewirken: warum ist ein früher Ticketkauf wichtig? Was ermöglicht er konkret? Was steht auf dem Spiel, wenn Verkäufe ausbleiben? Statt reiner Werbebotschaften kann ehrliches Storytelling helfen - über die Entstehung einer Tour, über die Menschen hinter den Kulissen und über die Realität der Livebranche.
Auch Anreize für frühe Ticketkäufe können sinnvoll sein. Early-Bird-Modelle, limitierte Kontingente oder kleine Extras sind keine neue Idee, werden aber oft noch zaghaft eingesetzt. Dabei geht es nicht um Rabatte um jeden Preis, sondern um Wertschätzung für Verbindlichkeit.
Ein weiterer Schlüssel liegt im Aufbau von Communities. Wer sich als Teil eines Projekts fühlt, entscheidet anders als jemand, der lediglich ein Event konsumiert. Direkte Kommunikation, persönliche Ansprache und langfristige Beziehungen sind hier oft wirkungsvoller als maximale Reichweite.
Nicht zuletzt braucht es meiner Meinung nach auch strukturelle Anpassungen: kleinere Venues, flexiblere Tourmodelle, stärkere lokale Verankerung und mehr Kooperation innerhalb der Branche.
Verbindlichkeit ist keine Einbahnstraße. Auch die Branche muss Vertrauen schaffen, fair kommunizieren und realistische Erwartungen setzen. Gleichzeitig lebt die Livekultur davon, dass Publikum, Künstler:innen und Veranstalter:innen sich gegenseitig tragen. Jedes früh gekaufte Ticket ist mehr als nur ein Eintritt - es ist ein Zeichen von Wertschätzung, ein Beitrag zur Planungssicherheit und eine Investition in die Zukunft der Live-Musik.
Ein gemeinsamer Dialog
Als Agentur für Livemusik verstehen wir uns nicht nur als Vermittler, sondern als Teil dieses Ökosystems. Wir glauben, dass die aktuellen Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können - durch offene Gespräche, neue Ideen und den Mut, Dinge anders zu denken. Die Livebranche steht vor Veränderungen. Ob sie daran wächst oder schrumpft, hängt davon ab, wie verbindlich wir alle mit ihr umgehen.


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